Was tun gegen Alltagsrassismus?!

Wie du als weißer Mensch rassismuskritischer denkst und handelst

Viele sagen, Heimat ist für sie da, wo sie sich nicht erklären müssen. Doch Schwarzen Menschen und People of Color (PoC) wird in Deutschland alltäglich abverlangt, sich zu erklären: „Woher kommst Du? Wo sind Deine Wurzeln?“ Was macht das mit einem Menschen, wenn man in der eigenen Heimat nicht akzeptiert wird? Wenn einem durch solche Fragen fortwährend signalisiert wird: Du bist nicht von hier, Du bist „anders als wir“? Wenn neben Grenzüberschreitungen und Mikroaggressionen, rassistische Diskriminierungen Teil des Alltags sind?

Don’t touch my hair heißt der Song, den die Künstlerin Solange Knowles dem Umstand gewidmet hat, dass Schwarzen Menschen und PoC oftmals von Unbekannten unvermittelt in die Haare gegriffen wird. Nein, das passiert nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Genauso werden nicht-weiße Menschen immer wieder für ihre guten deutschen Sprachkenntnisse gelobt, unbeachtet, dass es sich dabei um ihre Muttersprache handeln könnte. Eine weitere Tatsache ist es, dass Schwarze Kinder oder Children of Color in der Schule doppelt so viel Einsatz zeigen müssen, um die gleiche Anerkennung für ihre Leistungen zu erhalten, wie ihre weißen Mitschüler*innen. „Tanzen und trommeln, das liegt Euch doch im Blut“ – solch eine Zuschreibung von „natürlichen Veranlagungen“ aufgrund der Hautfarbe ist nur vermeintlich als Kompliment gedacht. Und nicht selten erhalten Wohnungsbewerber*innen mit „fremdklingenden“ Namen erst gar keinen Termin für eine Besichtigung… . Es gibt eine Menge rassistische Diskriminierungen in Handeln, Denken und Sprache, die wir in unserem Alltag reproduzieren, denn struktureller Rassismus ist ein tief sitzendes Problem unserer Gesellschaft.

Dabei bedarf es keiner bewusst rassistischen Absicht, um sich entsprechend zu äußern. Wir verletzen Menschen, ohne es zu merken, weil wir dahingehend keine Sensibilität entwickelt haben. Bei Widerstand reagieren wir nicht selten mit Unverständnis und wechseln in die Defensive: „Das war nicht so gemeint. Ist das nicht etwas überempfindlich? Ich bin doch kein Rassist!“ Nur – wer entscheidet, wann etwas als rassistisch empfunden werden darf? Unbestreitbar doch diejenigen, die sich davon getroffen fühlen.

Was empfinden Schwarze Menschen und PoC als verletzend und grenzüberschreitend? Wo und wie passiert sowas? Wie ist Rassismus entstanden? Und was bedeutet struktureller und institutioneller Rassismus? Wenn man sich als weißer Mensch in das Thema einliest, ist das kein schönes Gefühl. Zu Scham und Erschütterung gesellt sich ein Empfinden des Sich-ertappt-fühlen. Eine zu kurz gedachte Definition von Rassismus hat in Deutschland dazu geführt, dass rassistisches Handeln erst dann als solches eingestuft wird, wenn die Intention als bewusst rassistisch identifizierbar ist.

Was also tun? Informier dich, benenne Rassismus, wenn du ihn erkennst, beziehe Position, sensibilisier dich für deine Privilegien und reflektiere, wie du selbst in rassistische Strukturen eingebunden bist. Und vor allem: Hör zu, wenn Betroffene darüber sprechen, dass und wodurch sie sich verletzt, ausgegrenzt oder ungleich behandelt fühlen. Wir haben einiges zusammengestellt, das dir dabei helfen kann:

Perspektivenwechsel – Afro.Deutschland
Wie ist es, als Schwarzer Mensch in Deutschland zu leben und was bedeutet es, in der eigenen Heimat nicht akzeptiert zu werden? Für die Doku „Afro.Deutschland“ hat sich Moderatorin Jana Pareigis ausschließlich mit Schwarzen Deutschen darüber unterhalten: Rapper Samy Deluxe, Zeitzeuge Theodor Michael, Esther Donkor vom Blog KrauseLocke, Profi-Fußballer Gerald Asamoah und weitere erzählen davon, wie ihnen Rassismus im Alltag begegnet. Der 40-minütige Film ist in der Mediathek der Deutschen Welle kostenlos verfügbar. Ein eindrücklicher Einstieg in das Thema Alltagsrassismus.

FILM ANSCHAUEN

 

Warum Sprache politisch ist
Wenn hier im Beitrag von Schwarzen Menschen und People of Color die Rede ist, dann sind das souverän gewählte Selbstbenennungen von nicht-weißen Menschen. Schwarz mit großem „S“ geschrieben meint nicht die Farbe, sondern ist ein politische Bezeichnung (mit weiß kursiv geschrieben verhält es sich in diesem Beitrag übrigens genauso). Auch People of Color beschreibt nicht die Hautfarbe, sondern ist eine selbstbestimmte Bezeichnung von und für Menschen mit Rassismuserfahrung innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Wo könnt ihr mehr darüber erfahren? Der Braune Mopp – eine media-watch Organisation mit bewusst provokativ gewähltem Vereinsnamen – beantwortet häufige Fragen zu Rassismus: Warum z.B. „farbig“ keine diskriminierungsfreie Beschreibung ist und warum Schwarze und PoC nicht gleich Ausländer sind. Auf der Webseite könnt ihr einiges zu Sprache und Selbstbezeichnungen lesen.

Dennoch ist das alles kein Garant für „da kann ich nichts mehr falsch machen”. Sprache ist ein dynamischer Prozess und das kann durchaus verwirrend sein. Auch das Verfassen dieses Beitrags war nicht einfach, weil unsere Bedenken groß sind, sich mit einer weißen Perspektive unbedacht auszudrücken. Es gibt keine globale Absprache darüber, ob und wie Menschen sich selbst benennen möchten. Selbstbezeichnungen entstehen und etablieren sich, das heißt jedoch nicht, dass sich jede*r damit wohlfühlt. Im Zweifel einfach nachfragen.

FAQ RASSISMUS UND SPRACHE

 

Sensibilisierung – mach Dir Deine Privilegien bewusst

  • Wenn ich eine Wohnung/eine Arbeitsstelle suche, stellt mein Weißsein dabei kein Hindernis dar.
  • Wenn ich einen Wochenendausflug/Urlaub plane, muss ich mir keine Gedanken darüber machen, an welchem Ort ich als Weiße*r sicher bin.
  • Ich werde nicht gefragt, für alle Menschen meiner Hautfarbe zu sprechen.
  • Ich werde nicht darauf aufmerksam gemacht, dass meine Körperform und/oder mein Körpergeruch meine Hautfarbe reflektieren.
  • Ich muss meine Kinder nicht lehren, aufmerksam zu sein bzgl. des strukturellen Rassismus, um sie zu schützen.
  • Wenn ich als Führungskraft eine geringe Glaubwürdigkeit habe, kann ich ziemlich sicher sein, dass mein Weißsein nicht das Problem ist.
  • Ich kann mir über Rassismus Gedanken machen, ohne als eigennützig oder selbstsüchtig gesehen zu werden.
  • Ich fühle mich willkommen und „normal“ in den üblichen Bereichen des öffentlichen Lebens.
  • Ich kann ein teures Auto fahren, ohne für kriminell gehalten zu werden.
  • Ich habe die Wahl, mich mit Rassismus auseinander zu setzen, wenn ich möchte. ¹

Dies sind nur einige Privilegien, welche die Wissenschaftlerin Peggy McIntosh 1988 erstmals in ihrem Essay „White Privilege: Der unsichtbaren Rucksack“ reflektiert hat. Um Rassismus zu erkennen, ist es ein wichtiger Schritt, sich die eigenen weißen Privilegien bewusst zu machen. Nicht alle Privilegien sind für jeden weißen Menschen zutreffend, trotzdem ermöglichen sie eindrücklich, die mit der Hautfarbe verbundene Bevorteilung kritisch zu hinterfragen und zu verstehen, mit welchen Herausforderungen und Grenzüberschreitungen sich Schwarze Menschen und PoC täglich konfrontiert sehen.

Eine Übersetzung ins Deutsche der von Peggy McIntosh aufgelisteten weißen Privilegien findest Du auf dem Blog sanczny. Die hier zitierten Ausschnitte sind Teil der Übersetzung aus dem Buch exit Racism.

 

Reflektion und Selbstkritik – exit Racism
All das hier Erläuterte und noch viel mehr ist Inhalt des Buches „Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette, das wir unbedingt empfehlen möchten. Dieses Buch fordert Dich aktiv dazu auf, Deinen Standpunkt zu reflektieren und das „Happyland“ hinter dir zu lassen, in dem wir – blind für rassistische Strukturen – leben.

„Happyland ist ein Bewusstseinszustand. Menschen, die von Rassismus nicht betroffen sind, sind damit aufgewachsen zu denken: Rassismus ist ganz böse, das verurteilen wir, das ist irgendwie in der rechten Ecke und hat mit mir nichts zu tun. Aber wenn man sich mit Rassismus beschäftigt, merkt man: die Sprache, die ich benutze, ist rassistisch, meine Kinder- und Schulbücher waren rassistisch. Ich kann nicht mehr darin verharren, dass Rassismus nichts mit mir zu tun hat. Dann lebt man nicht mehr im Happyland.“ erklärt Tupoka Ogette im Interview mit dem Emotion-Magazin.

Im Buch erläutert sie, wie und warum Rassismus mit dem Kolonialismus entstanden ist, warum wir uns gerade in Deutschland so schwer tun mit der Tatsache Rassismus und warum zum Beispiel „Hautfarben nicht sehen wollen“ keine Lösung darstellt. Verschiedene weiterführende Medien, wie Filme und Webseiten sind als interaktiver Teil in die Kapitel eingebunden und ergänzen wertvolle und Augen öffnende Inhalte.

„Exit Racism“ ist in vielfältiger Hinsicht ein „Arbeitsbuch“, denn es macht etwas mit dir. Wenn du die letzte Seite gelesen hast, wird es weiter in dir arbeiten und du wirst dich selbst dabei beobachten können. Im besten Falle jeden einzelnen Tag. Wir sagen: Unbedingt lesen!

„EXIT RACISM“-BUCH

 


Buchautorin Tupoka Ogette leitet zusammen mit ihrem Ehemann Stephen Lawson immer wieder verschiedene Workshops zu rassismuskritischem Denken und Handeln. Termine könnt ihr auf Tupoka Ogettes Webseite einsehen.

 

¹„Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette, Unrast Verlag 2017, Seite 68-69

Bildquelle Beitragstitel: © Christian Fregnan / zu sehende Werke © Zanele Muholi, Stedelijk Museum Amsterdam 2017

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